Sieben Wochen Whisky…

von Benjamin Lassiwe

„Am Aschermittwoch ist alles vorbei“. Was die Kirchen betrifft, stimmt der Stimmungsschlager des Kölner Karnevalisten Jupp Schmitz schon lange nicht mehr. Würde der Musiker etwa im Rahmenprogramm einer evangelischen Synode auftreten, müsste sein Lied heute anders lauten: „Am Aschermittwoch, als alles begann…“ Denn der erste Tag der Passions- und Fastenzeit ist zugleich der Startschuss für eine mittlerweile unüberschaubare Zahl kirchlicher Fastenaktionen, die man meist nur daran erkennt, dass sie in ihrem Titel die Zeitangabe „Sieben Wochen“ tragen.

Ein Klassiker ist dabei sicher die Aktion des Gemeinschaftswerks Evangelischer Publizistik (GEP). „Sieben Wochen ohne“ heißt sie, und in diesem Jahr fordert sie dazu auf, sieben Wochen lang ohne Ausreden zu leben. Motto: „Ich war´s“. Dass an dieser Stelle Erinnerungen an Karl-Theodor zu Guttenberg wachwerden, dürfte klar sein. Immerhin rund zwei Millionen Menschen nutzen die Aktion pro Jahr. Finanziert wird sie – ganz ohne EKD-Zuschüsse – einzig aus dem Verkauf eines Fastenkalenders. Freilich, in Sachen Finanzen liegen die Katholiken vorn: Die traditionelle Fastenaktion des Hilfswerks Misereor bringt mit Hilfe einer Fastenkollekte rund 20 Millionen Euro pro Jahr ein – allerdings gibt es eben auch einen Sonntag in der Fastenzeit, an dem alle katholischen Gemeinden im Land für Misereor sammeln. So, wie es bei den Protestanten an Weihnachten mit „Brot für die Welt“ geschieht.

Doch neben den Klassikern haben sich in den letzten Jahren noch viele weitere Fastenaktionen etabliert. Zu „Sieben Wochen anders leben“ lädt etwa der Hamburger Verein „Andere Zeiten“ ein. Teilnehmer erhalten einmal pro Woche einen Fastenbrief und eine Broschüre mit Tips zum richtigen Fasten. Der Evangelische Kirchenbezirk Weinsberg bei Heilbronn schlägt vor, „Sieben Wochen mit Hartz IV“ zu leben. In Mecklenburg-Vorpommern fordern die Frauenwerke der beiden großen Kirchen dazu auf, „Sieben Wochen mit Produkten aus fairem Handel und der Region“ zu leben. Und natürlich gibt es auch in diesem Jahr Aufrufe zum Autofasten, zum Facebookfasten und so weiter. Am Ende ist eigentlich jedes nur denkbare Anliegen so kommunizierbar, dass es als Thema für die Fastenzeit verwendbar ist. Was dann irgendwie schon wieder bedenklich ist – sollen die Wochen vor Ostern nicht zu einer großen Zeit der Beliebigkeit geraten, frei nach dem Motto: „Sieben Wochen nur mit Whisky leben.“

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