Synodale Frühjahrsmüdigkeit

von Benjamin Lassiwe

Das Frühjahr ist in der Evangelischen Kirche traditionell Synodenzeit. Kirchenparlamentarier aus nah und fern kommen zusammen, um über das weitere Schicksal ihrer Landeskirchen zu beraten. Sie beschäftigen sich mit dem Kollektenplan für das kommende Jahr ebenso wie mit Stellungnahmen zur Atomenergie, zur grünen Gentechnik oder der Flüchtlingsproblematik in Nordafrika. Fusionen von Landeskirchen werden diskutiert, Zukunftskonzepte präsentiert, Bischöfe gewählt. Und mit Verve debattieren die Mitglieder der Kirchenparlamente die Themen, die ihnen ganz persönlich schon lange Zeit am Herzen liegen.

Manches allerdings wird auch ungelesen durchgewunken. Berichte aus den „Diensten und Werken“ zum Beispiel – aus dem örtlichen Diakonischen Werk, aus Missionswerken und anderen Arbeitszweigen. Hier wäre es eigentlich Aufgabe der Kirchenparlamentarier, auch einmal kritisch nachzufragen. Doch kaum jemand liest die vorgelegten Hochglanzbroschüren tatsächlich. Und kaum jemand kennt den spezifischen Arbeitszweig gut genug, um die nötigen Kontrollfunktionen wahrzunehmen. Mit dem Ergebnis, dass die „Dienste und Werke“ oft völlig freischwebend arbeiten können, und sich allerhöchstens vor den Kirchenleitungen für ihre Arbeit rechtfertigen müssen.

Natürlich, keine Synode kann sich bis ins letzte Detail mit Haushaltsplänen, Satzungen und Arbeitsschwerpunkten eines anderen Vereins beschäftigen. Aber ist das wirklich so natürlich? Wie viele Mitglieder eines Kirchenparlaments sind eigentlich Experten in Sachen Gentechnik oder Nordafrika? Sind es wirklich mehr, als eine Synode an Diakonie- oder Missionsexperten zu bieten hätte? Sicher, vieles kann auch im entsprechenden Fachausschuss des Kirchenparlaments geklärt werden. In der Regel reicht das völlig aus. Aber zuweilen braucht es eben auch in einer Synode den kleinen Jungen aus dem Märchen vom Kaiser und seinen neuen Kleidern: Er hat als einziger ausgesprochen, dass der Monarch unbekleidet durch die Straßen lief. Doch im zuständigen Fachausschuss wird man ihn vergeblich suchen.

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