Kreativ am Tor…

von Benjamin Lassiwe

Es ist das wichtigste Wahrzeichen Berlins. Das von Carl Gotthard Langhans errichtete Brandenburger Tor prangt auf jeder 50-Cent-Münze, es findet sich auf jeder Postkarte – und beinahe jedem Foto, das gegen irgendetwas protestierende Nichtregierungsorganisationen zeigt. Denn wenn diesen Gruppen in Berlin mal wieder nichts Besseres einfällt, um ihre Forderungen in die Öffentlichkeit zu bringen, macht man eben etwas Kreatives vor dem Brandenburger Tor.

So wie heute, als als schwangere Frauen verkleidete Sportlerinnen mit einem versuchten Hürdenlauf auf die schlechte medizinische Versorgung von Müttern in Entwicklungsländern hinweisen wollten. Ja, als schwangere Frauen verkleidet. Ja, einen Hürdenlauf. Völlig richtig gelesen. In T-Shirts der Leichtathletik-Nationalmannschaften aus der Dritten Welt und veranstaltet vom Aktionsbündnis „Mutternacht“, dem unter anderem der Evangelische Entwicklungsdienst und das christliche Hilfswerk World Vision angehören. Um nicht missverstanden zu werden: Das Problem der Müttersterblichkeit ist ernst. Sehr ernst sogar. Weltweit sterben jährlich rund 350.000 Frauen bei der Geburt ihres Kindes. Das UN-Milleniumsziel 5, die Reduzierung der Müttersterblichkeit, ist noch lange nicht erreicht. Es macht nicht nur Sinn, es ist sogar dringend nötig und geboten, dass sich Menschen an dieser Stelle engagieren – und zeigen, welche Hürden es für Frauen in der Dritten Welt auf dem Weg zur sicheren Geburt noch gibt.

Ein ähnlich wichtiges Anliegen hatte im Übrigen auch jene Künstlergruppe, die rund 16.000 Schuhe vor dem Tor auf einen Haufen warf, um an das Massaker von Srebrenica zu erinnern. Oder der Schwarzwälder CDU-Bundestagsabgeordnete und heutige Parlamentarische Staatssekretär Hans-Joachim Fuchtel, der mit einer heimischen Trachtenkapelle und einer vorangetragenen Deutschlandfahne für die Besserstellung von Familien demonstrierte, obwohl er selbst als Mitglied einer Regierungsfraktion im Deutschen Bundestag alle Fäden zur Erreichung seines Zieles in der Hand hatte. Daneben sah man in den vergangenen Jahren Eisskulpturen, Großpuppen, Braunkohlebagger, singende Sorben, christliche Israelfreunde, Kissenschlachten und Hanfplantagen vor dem Wahrzeichen der Hauptstadt. Auch ein als Braunbär verkleideter Schauspieler scheint ganz in der Nähe seine Wohnhöhle zu haben. Falsch allerdings wäre der Schluss, dieser Mann wolle mit seiner Präsenz für den Schutz wildlebender Artgenossen eintreten: Er spielt das Berliner Wappentier, und will nur das Geld von fotografierenden Touristen.

Was am Ende dann doch die Frage aufwirft, ob die Kreativität bastelnder, singender und tanzender NGO-Mitarbeiter nicht an anderer Stelle besser investiert wäre. Der allgemeine Rummel vor dem Tor macht es jedenfalls schwer, zu unterscheiden, wer gerade gegen was am Demonstrieren ist. Und vielleicht sollten sich die Stadtväter Berlins noch einmal ernste Gedanken um das äußere Erscheinungsbild ihres Stadttores machen. Denn als Kulisse für jede beliebige Protestaktion sollte das Symbol der Deutschen Einheit eigentlich zu schade sein.

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Eine Antwort auf Kreativ am Tor…

  1. Kilian sagt:

    Super, ein interessanter Post, vielen Dank. Muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Generell finde ich diesen Blog leicht zugaenglich.

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