Kasper gegen Ratzinger: Eine innerkatholische Debatte lebt auf

von Wolfgang Thielmann

Walter Kardinal Kasper hat gerade sein Alterswerk vorgelegt. Der dritte seiner großen Titel, nach Büchern über Gott und über Jesus, hat die Kirche zum Thema. Und er setzt charakteristisch andere Akzente als Joseph Ratzinger. Die Differenzen zum Kirchenverständnis des heutigen Papstes Benedikt XVI. sind in seinem Buch unübersehbar.
Walter Kasper und Joseph Ratzinger waren beide Professoren in Münster und in Tübingen. Ihr Verhältnis ist die Geschichte einer innerkatholischen Debatte. Machtpolitisch herrscht die Ratzinger-Linie. Theologisch könnte sich Kasper als überzeugender erweisen.

Der Kardinal, der bis 2009 den vatikanischen Einheitsrat und damit das Ökumeneministerium der Kurie leitete, bietet ein faszinierendes Denkmodell an. Er sieht den Begriff der Communio als Schlüssel des katholischen Kirchenverständnisses seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil, also die Gemeinschaft mit Gott und infolge dessen die der Christen untereinander. Der Gedanke hat sich auch in den orthodoxen und den evangelischen Kirchen durchgesetzt. Für Kasper entspringt er aus der Liebe Gottes zu den Menschen, die Gemeinschaft stiftet. Damit wird die Communio zu einer „Weltformel“, und die Beziehung, die Relation, zur letzten Wirklichkeit, zum Ausgangspunkt es Denkens.

Das hat sofort Folgen für die Kirche: Sie muss, sagt Kasper, ihr Selbstverständnis „nicht als in sich verschlossene Identität“, sondern in der Kommunikation nach innen und außen „als offene und dialogale Identität“ gewinnen. Daraus leitet Kasper die Forderung ab, dass es in der katholischen Kirche weniger Zentralismus und mehr synodale Strukturen geben muss. Der Ortsbischof soll mehr Verantwortung bekommen. Kasper scheut sich nicht, die Kurie offen zu kritisieren: „Die ortskirchlichen Probleme und Erfahrungen sind in Rom zu wenig präsent. Es gibt Mitarbeiter in der Kurie, die nie wirklich eine Pfarrei oder eine Diözese von innen gesehen haben.“

Auch muss die katholische Kirche, sagt Kasper, die Gemeinschaft mit anderen Kirchen nicht scheuen, in der Angst, ein Verlustgeschäft zu machen. Sie kann vielmehr geben und nehmen und den eigenen Reichtum neu entdecken. Das Ziel des gemeinsamen Weges besteht nicht in der Rückkehr der anderen Kirchen nach Rom, sondern im gemeinsamen Fortschritt zur größeren Einheit.

Vorher hat Kasper zu einem Satz ausgeholt, der einem zentralen Gedanken des heutigen Papstes widerspricht: „Nicht mehr die in sich stehende Substanz der antiken Philosophie ist der Ausgangs- und Bezugspunkt des Denkens, vielmehr ist die Relation die alles bestimmende Letztwirklichkeit.“ Gleich anschließend muss er klarstellen, dass er damit nicht das päpstliche Unwort salonfähig machen will: „Die neue Sichtweise darf nicht mit theologischem Relativismus verwechselt werden. Sie sagt nicht, dass alles relativ ist, sondern dass alles relational ist.“

Der Satz mit der griechischen Philosophie zielte auf die Regensburger Rede des Papstes vor fünf Jahren. Die erregte Kritik wegen einer islamkritischen Passage. Doch viel stärker hatte sie den Protestantismus im Visier: Durch Reformation, Aufklärung und liberale Theologie habe sich die glückliche Verbindung zwischen Christentum und griechischer Philosophie, also zwischen Glauben und Vernunft gelöst, meinte der Papst – und sieht die Geschichte als einen Prozess des Verfalls. Kaspers Modell ist da zukunftsfähiger.

Auch im Blick auf die Fakten übrigens widerspricht Kasper dem Papst: Von einem Niedergang der griechischen Philosophie „kann keine Rede sein“. Griechische Philosophen seien in der Renaissance wie im Idealismus „geradezu zuhauf präsent“.

Kasper habe dem Papst den Rücken gestärkt, meinte „Bild„. Das Gegenteil ist richtig.

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