Fünf Jahre Freiheit

von Benjamin Lassiwe

Es ist ein Jubiläum, auf das die EKD wirklich stolz sein könnte. Am 6. Juli 2006, vor genau fünf Jahren, veröffentlichte der „Rat der EKD“ die Broschüre „Kirche der Freiheit“: Einen der größten und gelungensten Abwürfe, den das Leitungsgremium der EKD je hatte. Qualitätsverbesserungen, Strukturreformen, Leuchttürme – die Zahl der Verbesserungsvorschläge war enorm. Zukunftskongresse und Werkstätten fanden statt, Zentren etwa zur Qualitätsentwicklung im Gottesdienst, für Mission in der Region und zur Predigtkultur wurden entwickelt. Und auch in den Landeskirchen entstanden zahlreiche eigene Reformprojekte.

Doch dass das Papier „Kirche der Freiheit“ nun seinen fünften Geburtstag feiern kann, nahmen höchstens kircheninteressierte Journalisten wahr. Eine schlichte Pressemitteilung war alles, womit die EKD an den Jahrestag erinnerte. „Wir haben gemeinsam in den letzten fünf Jahren sehr viel erreicht, und setzen jetzt wieder neue Impulse“, wird die Vorsitzende der Steuerungsgruppe für den Reformprozess und Präses der EKD-Synode, Katrin Göring-Eckardt, darin zitiert. Es dürfte das bislang einzige Mal sein, dass sich die Bundestagsvizepräsidentin im wohl Unbekanntesten ihrer zahlreichen kirchlichen Ämter geäußert hat. „Das Impulspapier ist seinem Titel gerecht geworden, es hat viele Impulse gesetzt“, so Katrin Göring-Eckardt: „So viel Aufbruch war nie.“

Doch das stimmt wohl nur teilweise: Das Wittenberger Predigtzentrum befindet sich nach dem Fortgang seines Gründungsdirektors eher im Zustand der Agonie. Und die jederzeit besuchenswerte Internetplattform „Geistreich“ präsentiert zwar zahlreiche kirchliche Leuchtturmprojekte, die zur Nachahmung in Gemeinden empfohlen werden. Doch bei der Umsetzung hapert es. Von flächendeckendem Kopieren ist bislang nicht viel zu spüren: Gewiß, alle die Gemeinden und Kirchenkreise, die sowieso schon immer zu den aktiven zählten, feiern nun auch Tauffeste, bieten Konfirmanden-WGs an und kümmern sich um die Einführung einer Feedback-Kultur zu ihren Gottesdiensten.

Doch neben den üblich aktiven Vorzeigegemeinden gibt es auch die anderen, die „so da“-Gemeinden, die Gemeinden, von deren Existenz eigentlich nur noch der Pfarralmanach berichtet. Die vielleicht am Sonntag einen Gottesdienst feiern, vielleicht einen Seniorenkreis haben oder eine Frauengruppe – vielleicht, weil es außer einem in die Jahre gekommenen, auf sich selbst bezogenen engen Kern kaum noch jemand wahrnimmt oder mitbekommt. Und wenn Katrin Göring-Eckardt nun von einer „kreativen Innovationskultur“ berichtet, die sich in der Evangelischen Kirche neu entwickelt hat, und davon, dass die Kirche „voller guter Ideen“ und „frohgemut“ auf dem Weg in die Zukunft ist, dann überdeckt das letztlich eines der größten Probleme des Reformprozesses.

Denn ihm fehlt noch immer ein Vehikel, um die Mühseligen und Beladenen, die hinterherhinkende Nachhut, am Schluss des Zuges mitzunehmen auf die Reise. Genau die Gemeinden und Pastoren, die neue Ideen, Qualitätsverbesserungen und Anschübe eigentlich am Nötigsten hätten, das selbst aber entweder nicht erkennen, oder, schlimmer noch, die Hoffnung auf Entwicklung längst schon aufgegeben haben.
Doch „Kirche der Freiheit“ wird dereinst nicht nur daran gemessen werden, wie erfolgreich die ohnehin schon Erfolgreichen mit Hilfe des Reformprozesses geworden sind. Nein, auch 2030 wird man darauf sehen, in welchem Zustand die Kirche insgesamt ins Ziel gekommen ist: Wer alles mit dabei ist – und wer plötzlich fehlt, weil er unterwegs fast unbemerkt auf der Strecke blieb.

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