Wann fliegt Fliege?

von Benjamin Lassiwe

Auf seiner Homepage begrüßt Jürgen Fliege die Besucher in einem Kirchenschiff. Im dunklen Anzug, mit dem weißen Kragen eines Geistlichen, steht der rheinische Ruhestandspfarrer unter den Gewölben. Die offenen Handflächen nach oben gestreckt, will er die Internetnutzer begrüßen. Doch die Geste misslingt. Der einst erfolgreiche Fernsehpfarrer wirkt ein wenig ratlos – so, wie auch seine Kirche im Umgang mit dem Theologen offenbar mit ihrem Latein am Ende ist.

Seit die ehemalige Scientology-Beauftragte Ursula Caberta in der „Bild am Sonntag“ auf das Esoterikgeschäft des Theologen aufmerksam machte, steht Jürgen Fliege unter Beschuss. Eine durch sein Gebet veredelte Fliege-Essenz, ein von ihm unter dem Motto „Flieges Wörishofener Herbst“ veranstaltetes Treffen von Schamanen und Geistheilern – das alles passt nicht mehr in das Bild eines evangelischen Pfarrers. Schon im vergangenen Jahr sprach Matthias Pöhlmann, damals noch Referent bei der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen in Berlin, Klartext:

„Jürgen Fliege plädiert für eine alles-ist-möglich-Theologie. Das ist nicht die Theologie, die ich als Pfarrer der Evangelisch-Lutherischen Kirche vertrete. Jürgen Fliege ist für mich ein multireligiöser Entertainer.“

In der rheinischen Kirche scheint das nicht angekommen zu sein. So wie vieles andere nicht, was Menschen kritisch über Jürgen Fliege äußerten. Dabei wäre es eigentlich Aufgabe der dortigen Kirchenleitung, sich vor einen Pfarrer zu stellen oder ihn zur Rechenschaft zu ziehen, wenn solche Kommentare öffentlich geäußert werden. Denn ein Präses, wie Nikolaus Schneider, hat eine Fürsorgepflicht für die Geistlichen seiner Kirche. Dazu gehört, im Zweifel Einhalt zu gebieten, wenn sich Theologen auf Irrwege begeben und damit das Bild ihres Berufsstandes beschädigen. Und er hat durchzugreifen, wenn gutes Zureden nichts nutzt.

Offenbar wollte Schneider auf Jürgen Fliege zugehen. Folgt man einer im Juli veröffentlichten Einladung zu Flieges geplantem „Wörishofener Herbst“, war Nikolaus Schneider als Referent angefragt. Neben Schneider sollten Schamanen, Geistheiler und Esoteriker auftreten. Doch auf die Frage, ob Schneider tatsächlich in Wörishofen auftrete, antwortete der EKD-Pressesprecher Reinhard Mawick am 8. August in einer etwas schnodderigen e-Mail:

„Ganz kurz: RV kommt nicht, Wunschdenken von Fliege, was er in seinen Flyer schreibt können wir nicht verhindern.“

Das klang deutlich, aber stimmte nur zum Teil. Denn zwei Tage später, am 10. August, veröffentlicht Jürgen Fliege per Pressemitteilung Auszüge eines Schreibens des EKD-Ratsvorsitzenden. Schneider habe darin die „Dinge zurechtgerückt“, sagt Fliege. Schneider habe sehr wohl vorgehabt, den Kongress zu besuchen, aber wegen einer Terminüberschneidung – gleichzeitig verleiht die evangelische Kirche die Luthermedaille – werde daraus nichts. Außerdem habe er seinen Pressesprecher angewiesen,

„dass ich bei aller schwierigen Vergangenheit einen respektvollen Ton der EKD Dir gegenüber wünsche. Und er weiß auch, dass ich zu Dir stehe.“

Ganz offenbar hat Nikolaus Schneider wenig Lust auf einen Konflikt mit Jürgen Fliege. Immerhin waren die beiden zur gleichen Zeit Vikare der Evangelischen Kirche im Rheinland. Die Auszüge aus Schneiders e-Mail, die Fliege veröffentlichte, zeugen von Vertraulichkeit.

Doch Fragen bleiben: Ob ein evangelischer Pfarrer selbstgeweihtes Wasser produzieren und verkaufen darf, ob er mit Schamanen einen Esoterikkongress veranstalten darf oder ob er „eine Nacht mit den Top-Engelslehrerinnen Deutschlands“ offerieren darf, zum Beispiel. Aber interessieren diese Fragen noch, wenn der Betreffende Nikolaus Schneider nahe steht? „Wir machen es so wie immer, wenn Fliege etwas sagt“, sagt der Pressesprecher der Rheinischen Kirche, Jens-Peter Iven. „Wir werden es nicht medial diskutieren, aber an Hand der Bibel und unserer Kirchenordnungen klären, wie wir dazu stehen.“ Auf das Ergebnis dieser Klärungen darf man gespannt sein.

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