Ein Schweinchen für Herrn Böckenförde

von Benjamin Lassiwe

„Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann.“ So lautet das so genannte Böckenförde-Diktum, einer der wichtigsten Leitsätze für das Verhältnis von Staat und Kirche. Er beschreibt, warum es in einem Land wie der Bundesrepublik Deutschland eine Zusammenarbeit von Staat und Kirche geben kann, auch wenn die deutsche Verfassung davon ausgeht, dass Staat und Kirche voneinander getrennt sind.

Doch seit Ernst-Wolfgang Böckenförde 1976 seinen berühmten Satz äußerte, ist das Böckenförde-Diktum auch zu einem Standardsatz in Reden über das Kirchenrecht und über das Verhältnis zwischen Kirche, Staat und Gesellschaft geworden. Weil es so knapp, allgemein und grundsätzlich formuliert ist, reizt es zum Zitieren, selbst dann noch, wenn es nicht mehr passt oder man eigentlich genauer werden müsste. Inzwischen ist das Diktum zu einer der nervigsten, abgedroschendsten und wohl selbst mit physischer Gewalt nicht tot zu kriegenden Grußwort-Floskeln mutiert, die es auf kirchlichen Empfängen geben kann.

Wann immer ein Landesminister, ein Staatssekretär oder Regierungsdirektor nicht weiter weiß, weil ihm das Verhältnis zu seiner Landeskirche oder dem örtlichen Bistum im Endeffekt eigentlich völlig egal ist, beruft er sich auf Böckenförde. Fast scheint es, als stünde das Diktum im Floskellexikon für Redenschreiber unter „K“ wie Kirche.
Dabei eignet sich das berühmte Zitat eigentlich gar nicht so gut für eine kirchliche Vereinnahmung, denn es meint mehr als die Kirchen. Die immer unterschlagenen Folgesätze lauten:

„Als freiheitlicher Staat kann er einerseits nur bestehen, wenn sich die Freiheit, die er seinen Bürgern gewährt, von innen her, aus der moralischen Substanz des einzelnen und der Homogenität der Gesellschaft, reguliert. Anderseits kann er diese inneren Regulierungskräfte nicht von sich aus, das heißt, mit den Mitteln des Rechtszwanges und autoritativen Gebots zu garantieren versuchen, ohne seine Freiheitlichkeit aufzugeben und – auf säkularisierter Ebene – in jenen Totalitätsanspruch zurückzufallen, aus dem er in den konfessionellen Bürgerkriegen herausgeführt hat.“

Böckenförde hat seine Sätze nicht gesagt, um dem Staat die Wichtigkeit der Religion vor Augen zu führen, sondern um seiner Kirche, der katholischen, das damals in ihr noch lebendige Misstrauen zum religiös neutralen Staat zu nehmen.

Aber nun ist das Kind in den Brunnen gefallen, und das Böckenförde-Diktum permanenter Bestandteil jedweden Grußworts. Vor allem, wenn ein CDU-Politiker das Wort ergreift. Vielleicht sollten sich kirchennahe Souvenirhersteller deswegen einmal Gedanken über ein “Böckenförde-Schweinchen” machen. Ein Sparschwein, beklebt mit dem Logo der Diakonie, aufzustellen auf den Rednerpulten einschlägiger Veranstaltungen. Wer das legendäre Diktum in seinem Grußwort wörtlich wiedergibt, muss zehn Euro zahlen – zumindest bei den Protestanten. Was die Katholiken betrifft, empfiehlt sich stattdessen ein „Papstschweinchen“: Jeder Bischof und jeder Priester, der in seiner Predigt mehr als einmal Benedikt zitiert, muss das Geld hineinstecken. Denn jedes Papst-Zitat befreit ein Stück mehr von der Verpflichtung, sich bei der Predigtvorbereitung selbst dem Bibeltext zu widmen. Schließlich machen die eigentlich gemeinten Katholiken bis heute entschieden weniger vom Böckenförde-Diktum Gebrauch, obwohl es einst für sie enstanden ist.

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