Geschüttelt, nicht gedichtet…

von Benjamin Lassiwe

Die Osterkerze brennt, die Orgel spielt, die Frühlingssonne scheint durch die bunten Glasfenster. Am Ostersonntag sind die Kirchenbänke in der kleinen Dorfkirche in der Lüneburger Heide wie üblich gut gefüllt. Doch etwas ist anders an diesem Morgen. Es ist die Musik. Statt „Christ ist erstanden von der Marter alle“ singt die Gemeinde „Gott Vater, Gott Mutter, du zärtliche Nähe, Du schenkst uns Deinen Geist. Du Anwalt des Lebens, Du stärkst uns, befreist.“ Eine eher absurde Vorstellung? Nicht unbedingt.

Denn neue Kirchenlieder sind in Deutschland Mangelware. Allerhöchstens zu einem Evangelischen Kirchentag oder zu einem katholischen Weltjugendtag greifen Dichter zur Feder und Komponisten zu den Tasten des Klaviers. Im Vorfeld des „Jahres der Kirchenmusik 2012“, einem der Themenjahre aus der Reformationsdekade der EKD, hatte die Evangelisch-Lutherische Landeskirche Hannovers deswegen einen Liederwettbewerb gestartet. Lieder zu Ostern und Pfingsten sollten entstehen. Ein durchaus löbliches Unterfangen – und auf den ersten Blick können sich die Zwischenergebnisse auch sehen lassen: In einer ersten Runde gingen immerhin 151 Liedtexte von 77 Autoren ein. Nun aber sollen die 15 Texte, die die Jury für die Besten hielt, vertont werden – was freilich keine leichte Aufgabe wird. Denn ein gutes Kirchenlied muss vom Kantor ebenso verstanden werden, wie von der alten Frau, die an jedem Sonntag treu und fromm für den Blumenschmuck am Altar sorgt. Vor allem aber muss es singbar sein.

Was im Fall der hannoverschen Landeskirche und ihres Liederwettbewerbs zu einer echten Herausforderung für die Komponisten werden dürfte. Denn es ist längst nicht nur „Gott Mutter“, „die zärtliche Nähe“, die bei der Lektüre der Liedtexte die Stirn runzeln lässt. Oft genug verstoßen die Dichter gegen sämtliche Regeln des Versmaßes. Die auf der Website des Liedwettbewerbs in einer PDF-Datei veröffentlichten Siegertexte erinnern statt an die Choräle eines Paul Gerhardt eher an die holprigen Schüttelreime der letzten Seniorenreise, nachlesbar im örtlichen Gemeindebrief. „Sie gehen fort, der Weg fällt schwer. Die Jünger müssen reden. Ein Fremder fragt: Was ist geschehn? Wer spricht, das können sie nicht sehn. Sie traun nicht ihren Ohren: Ihr habt mich, den Lebendigen, nicht verloren“, heißt es etwa in einem Lied über die Jünger auf dem Weg nach Emmaus. Oder: „Wenn eine Raupe nach und nach durchbricht ihr altes Haus – da wird die Hoffnung wieder wach, der Schönheit Flügel fliegen aus.“ Ob daraus wohl je ein singbares, im Gottesdienst einer Gemeinde einsetzbares Kirchenlied erwächst?

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