Bekennen oder Schweigen?

von Benjamin Lassiwe

Es ist eine der eher unbekannteren lutherischen Bekenntnisschriften, aber eine, die es in sich hat. Der „Tractatus de potestate et primatu Papae“, der Traktat „Von der Gewalt und Obrigkeit des Papstes“ wurde erst 1580 zu einer Bekenntnisschrift der Protestanten. Seitdem wird das Papstamt von den Lutheranern grundsätzlich abgelehnt, auch wenn einzelne Bischöfe, etwa der badische Oberhirte Ulrich Fischer oder der scheidende bayerische Landesbischof Johannes Friedrich immer wieder einmal für einen Ehrenprimat des Papstes plädierten.

Ungleich brisanter freilich ist die Form, in die der Gräzist und Rhetoriker Melanchthon seinen Traktat goß: Der Traktat bezeichnet den Papst als „Antichrist“ – eine Formulierung, die noch Jahrhunderte lang für böses Blut zwischen Katholiken und Protestanten sorgte. Zwar gibt es seit den 1980er Jahren einen ökumenischen Konsens, wonach die Verwerfungen der Reformationszeit trotz aller lehrmäßiger Unterschiede die Partner von heute nicht mehr treffen. Zwar erscheint jede Ausgabe der lutherischen Bekenntnisschriften heute mit einem entsprechenden Vermerk. Doch auf evangelischer wie auf katholischer Seite ist man sich dessen immer weniger bewusst. So hatte der Ökumene-Beauftragte der Deutschen Bischofskonferenz, der Regensburger Bischof Gerhard Ludwig Müller, in einem eher schwachen Moment erst Anfang des Jahres in einem Interview gefordert, dass die Protestanten die Verwerfung des Papstes als Antichrist aufheben sollten. Und auch die Verfassungsgebende Synode der in Gründung befindlichen Nordkirche debattierte am vergangenen Wochenende genau um diesen Traktat. Denn die Synodalen fürchteten ökumenische Missverständnisse.

Doch wie löst man das Problem? Sollte der Traktat ganz gestrichen, mithin der Kanon der lutherischen Bekenntnisschriften verkleinert werden? Sollte die Liste der Bekenntnisschriften ganz aus der Verfassung gestrichen werden? Am Ende entschieden sich die in Heringsdorf tagenden Synodalen für eine vermeintlich salomonische Lösung: „Zu den lutherischen Bekenntnisschriften gehören […] Philipp Melanchthons Traktat und die Konkordienformel.“ Der Name des Traktates wurde weggelassen. Mehr nicht. Möglich, dass das für das alltägliche Gemeindeleben, in dem die kirchlichen Bekentnnisse ohnehin keine Rolle mehr spielen, völlig ausreicht. Aber was sagt das eigentlich über die Grundlagen einer Kirche, wenn sich Kirchenparlamentarier nicht einmal mehr trauen, sie öffentlich beim Namen zu nennen?

Dieser Beitrag wurde unter EKD, Nordelbien, Ökumene, Papst abgelegt und mit , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort auf Bekennen oder Schweigen?

  1. Herzlich willkommen als Blogger-Nachbar!
    Endlich auch in der kath. Bloggerliste kurz vorgestellt:

    http://bloggerliste.blogspot.com/

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>