Eine Stärke der Lutheraner

von Wolfgang Thielmann

Mit der in Magdeburg zu Ende gegangenen Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland ist für die Lutheraner eine heikle Phase zu Ende gegangen. Johannes Friedrich, der gerade verabschiedete bayerische Landesbischof, hat auch den Stab des Leitenden Bischofs der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands (VELKD) an Gerhard Ulrich weitergegeben, der die nordelbische Kirche führt und zugleich Vorsitzender der Kirchenleitung der in Gründung befindlichen Nordkirche ist.

Friedrichs Amtszeit als Chef der VELKD, die acht Landeskirchen mit knapp zehn Millionen Lutheranern umfasst, fiel in einen Umbruch, der bei manchen die Angst weckte, die Zeit der gemeinsamen lutherischen Kirche in Deutschland gehe zu Ende. Mit Schrecken erinnerten sich viele daran, dass die VELKD für die katholische Kirche ein wichtiger, weil konfessionell klar profilierter Partner sei. Zudem spiele sie eine Schlüsselrolle im Lutherischen Weltbund, der 1999 mit dem Vatikan die Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre ausgehandelt hatte. Mit der EKD wäre das nicht zu leisten. Sie ist nur ein Bund von evangelischen Kirchen.

Der Grund des Schreckens: Eckhart von Vietinghoff, der frühere Präsident des hannoverschen Landeskirchenamtes – und Hannover ist die größte VELKD-Mitgliedskirche – hatte angeregt, dass sich die beiden konfessionellen Zusammenschlüsse unterhalb der EKD kleiner setzen und unter das Dach des Kirchenamtes der EKD gehen sollten. Das werde Doppelstrukturen und Parallelarbeit vermeiden. Vietinghoff konnte darauf verweisen, dass sich die lutherische Kirche in der DDR bereits 1988 aufgelöst hatte, um den Bund der evangelischen Kirchen in der DDR – dem alle Landeskirchen angehörten – zu stärken.

Die Evangelische Kirche der Union, das unierte Gegenstück zur VELKD, fand das Aufgehen in der EKD gut. Sie baute sich eilig zur “Union evangelischer Kirchen” zurück und verkündete das Ziel, in der EKD aufgehen zu wollen. Und erwartete Gleiches von den Lutheranern. Die aber verwiesen darauf, dass sie so etwas wie die theologische Denkfabrik der deutschen Protestanten seien. Nicht nur wegen ihrer internationalen Verbindung: Die VELKD gab einen in allen Kirchen benutzten Evangelischen Erwachsenenkatechismus und Standardwerke über religiöse Gemeinschaften und den Umgang mit Muslimen heraus. Und sie war für die Liturgie verantwortlich.

Doch der Druck war stark. Friedrich fügte sich und löste das eigenständige VEKLD-Kirchenamt Ende 2006 auf. Seither lebt es als Hauptabteilung im EKD-Kirchenamt weiter. Aber wider Erwarten hat das Zusammengehen das Profil der Lutheraner in der EKD gestärkt. Darauf hatte Friedrich gehofft. Als 2007 die Synoden von Lutheranern, Unierten und VELKD zum ersten Mal gemeinsam tagten, kamen die unierten Synodalen plötzlich zu Besuch in die VELKD-Synode, die nicht mehr zu anderer Zeit und an anderem Ort, sondern im Nebenraum tagte. Dort berichtete der Beauftragte für die katholische Kirche – ein Amt, das die Unierten gar nicht kannten.

Schnell stellten die Lutheraner fest, dass sie im direkten Vergleich mit den Unionskirchen weit profilierter dastanden. Sie lehnten jeden Gedanken an ein Aufgehen in der EKD ab. 2008 feierte die VELKD in Wittenberg ihr 60-jähriges Bestehen. Da sagte Friedrich, die VELKD sehe sich nach wie vor in der Pflicht, den „reformatorisch-theologischen Grundwasserspiegel in den Gemeinden hoch zu halten“ und die Ökumene zu pflegen. Seither sind die Lutheraner in der EKD eher stärker geworden. Und bei den Unierten redet niemand mehr von einem Aufgehen in der EKD, nachdem sich der Gedanke bei den Lutheranern erst einmal erledigt hat. Friedrichs Nachfolger Gerhard Ulrich findet ein bestelltes Land vor, das er gut pflegen muss.

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