Wenn plötzlich das Geld kommt…

eine Glosse von Benjamin Lassiwe

Es steht schon im Grundgesetz: Die Staatsleistungen an die Kirchen sollen abgelöst werden. Die Linken haben einen entsprechenden Antrag in den Deutschen Bundestag eingebracht – und auch der Leiter des staatskirchenrechtlichen Instituts der EKD, Hans-Michael Heinig, riet in der vergangenen Woche dazu, sich mit diesem Thema zu beschäftigen. Aber was würde eigentlich passieren, wenn – sagen wir: in zehn Jahren – tatsächlich eine größere Summe Geldes in den Besitz der Kirchen kommt?

Nehmen wir doch einmal Oldenburg. Jene Landeskirche, die es schaffte, Millionen bei den Lehmann Brothers anzulegen. Oder das Rheinland, wo das Beihilfe- und Bezügezentrum der Evangelischen Landeskirche sein Geld auf den Britischen Jungferninseln versenkte und natürlich keinen Cent an Zinsen sah. Ganz klar: Bei Spekulanten und Finanzhaie aller Art herrschte große Freude, hätten diese Kirchen ganz ganz plötzlich ganz viel Geld. Schon heute kann man den schnurrbärtigen Finanzhai mit dem weißen Bentley murmeln hören: “Ablösung? Das riecht nach einer neuen Villa unter Palmen…”

Doch die eigentliche Haushaltshoheit hätten die Synoden. Weswegen die erste Tagung der EKD-Synode nach Bekanntgabe der Ablösesumme wohl in einer Antragsflut ersticken würde, ganz nach dem Motto “Jedem Tierchen sein Plaisierchen…” Zum Beispiel die bislang völlig unbekannte westfälische Synodale Ingrid-Louise Schulze-Siependiek. Mit wehendem Kirchentagsschal in lila würde sie zum Mikrophon eilen, sofort zu einem „eindrücklichen, geschlechtergerechten Zeichen für die Armen“ aufrufen, und einen Antrag zur Errichtung einer Luxusunterkunft für Straßenprostituierte im böhmisch-bayerischen Grenzgebiet einbringen.

Natürlich, auch die ökumenischen Gäste aus den afrikanischen Partnerkirchen hätten Grund zur Freude: Selbstverständlich würden die Kirchenparlamentarier für eine großherzige finanzielle Unterstützung der einst unter Kolonialismus leidenden indigenen Völker eintreten. Und weil man gerade so schön beim Geld ausgeben ist, würden sogar die Cloppenburger Saterfriesen mit einem geringen Solidaritätsbetrag bedacht. Nur ein kleiner Posten wäre dagegen die Anschaffung des lange ersehnten, neuen Dienstwagen für die Lutherbotschafterin Margot Kässmann. Verbunden freilich mit der einstimmig beschlossenen Auflage, unverzüglich den neuen Erzählband “Auch Martin Luther navigierte. Bekenntnisse einer Autofahrerin” zu produzieren, der es dann auch prompt auf die Spiegel-Bestsellerliste schaffen würde…

Selbstverständlich würden auch die Evangelikalen ihr Scherflein abbekommen. Der neu einzurichtende Peter-Hahne-Gedächtnisfonds würde Bibelstellen wie „Und die Schwester des Tubal-Kain war Naama“ großflächig an allen Fernbahnhöfen plakatieren, und auch das große Pfingstjugendtreffen “Jetzt erst Recht! Bekenne Dich zum fünften Mal zu Jesus!” würde Fördergelder in Millionenhöhe erhalten, um die Ansprachen des Hauptpredigers Ulrich Parzany (elektronisch schallgedämpft) per digitalem Satelitenfernsehen und via Facebook zu verbreiten.

Und auch aus Frankfurt gäbe es Begehrlichkeiten: Etwa vom Gemeinschaftswerk Evangelischer Publizistik, das mit einer dreißigköpfigen Fachredaktion in den Markt der evangelischen Obdachlosenzeitungen einsteigen wollte. Was quasi in letzter Minute auch zu einem Zuschuss an das Diakonische Werk der EKD führen würde: Denn das flugs neu gegründete “Kompetenzzentrum Geld ausgeben” empfahl der Diakonie umgehend ein staatlich gefördertes Hilfsprojekt für gescheiterte Verkäufer ehemals selbständiger Straßenzeitungen.

Sicher, es gäbe auch Rufer in der Wüste: “Gebt nicht alles Geld auf einmal aus, legt es lieber an!” Doch umsonst. Entnervt und mit heiserer Stimme würden die Finanzdezernenten der EKD und ihrer Gliedkirchen und die Mitglieder des Haushaltsausschusses irgendwann nach Hause fahren, um an den heimischen Computern Kündigungen und Austrittserklärungen zu verfassen. Denn schon im nächsten Jahr würde ja ein böses Erwachen durch die Kirchen gehen: Wie – oh Wunder – plötzlich fehlt im Haushaltsplan ja ganz viel Geld?

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein, EKD, Käßmann, Synode abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>