“Wir haben nichts mehr zu verlieren”…

von Benjamin Lassiwe

Das Lied war deprimierend. „Wir haben nichts mehr zu verlieren. Die Medizin steht auf dem Nachttisch, diesen Winter werden wir schon überleben.“ Die Sängerin der Auftaktveranstaltung des Mannheimer Katholikentags bemühte Durchhalteparolen. Die Zuhörer auf dem Mannheimer Marktplatz schien das nicht zu stören. Der 98. Katholikentag will einen neuen Aufbruch wagen. „Wir sehnen uns nach einem Aufbruch zu einer menschlicheren, gerechteren und friedlicheren Welt“, sagte Freiburgs Erzbischof Robert Zollitsch im Eröffnungsgottesdienst. „Wir spüren: Unser Lebensstil ist nicht zukunftsfähig. So kann es nicht weitergehen.“

Spürbar ist in Mannheim eher das Gegenteil davon: Die Laienbewegung des ZdK, der institutionalisierte Katholizismus von Verbänden und Organisationen, verliert massiv an Zulauf. Dass am Eröffnungsabend tatsächlich 15.000 Menschen auf dem Mannheimer Marktplatz waren, darf man wohl getrost in das Reich der Sagen und Legenden verweisen. Der Platz war nicht voll, die Menschen standen locker. Das Publikum ist überaltert: 50, 60 Jahre alte Menschen dominieren das Bild. Jugendliche, wie sie bei den Evangelischen Kirchentagen in großer Zahl zu sehen sind, fehlen völlig. Stattdessen lebt jedes Tierchen sein Plaisierchen, wie es scheint. „Ich gehe zu Auma Obama“, sagte die Mitreisende in der S-Bahn. „Mein Literaturzirkel liest gerade ihre Biographie.“ Für andere Veranstaltungen fehle ihr die Zeit, obwohl, Helmut Schüller, der Priesterrebell aus Österreich, würde die ehemalige Buchhalterin auch interessieren.

Der freilich ist gar kein Teil des offiziellen Katholikentagprogramms, aber ein Teil des Problems. Schüller steht für den progressiven Flügel der katholischen Kirche. Ihn einzuladen, wagte das ZdK, der Veranstalter des Katholikentages, nicht – er tritt nur bei den Veranstaltungen der kirchlichen Basisgruppen „Wir sind Kirche“ und „Initiative Kirche von unten“ auf. Im Rahmen eines „Alternativprogramms“, das aus offiziellen Katholikentagsveranstaltungen ebenso besteht, wie aus Ergänzungstreffen. Die bloße Existenz dieses Programmes gibt einen Eindruck von den Spaltungen und Verwerfungen im Deutschen Katholizismus. Zumal auch der konservative Flügel in Mannheim nicht an Bord ist. Eine einzige „alte Messe“ findet im Programm des Katholikentages statt. Einflussreiche Bischöfe, wie der Kölner Kardinal Joachim Meisner, kritisieren die Veranstaltung aus der Ferne – nach Mannheim kommen sie nicht.

Und wer noch die Bilder von der Wallfahrt zum Heiligen Rock in Trier im Kopf hat, wo sich die wesentlich jüngeren Menschenmassen vor der Domkirche drängten, sieht die Probleme des Mannheimer Treffens um so deutlicher: Der katholischen Mitte brechen die Ränder weg. Vor allem die jungen Menschen zieht es in Richtung Frömmigkeit – und bei den Älteren schlägt die Frustration voll durch. Dass der auf Initiative der Konservativen zustandekommende Eucharistische Kongress im kommenden Jahr in Köln mehr Besucher haben könnte als der Katholikentag, ist eine Vorstellung, die durchaus realistisch ist. Denn die Fronten sind verhärtet. Die Kritik von den Rändern hat mittlerweile etwas ritualhaftes, die Antworten des ZdK haben es auch. „Friedrich Schorlemmer hat noch nichts gesagt“, erklärte Generalsekretär Stefan Vesper während des Pressegesprächs am Donnerstag. Es sollte eine Pointe sein. Doch am Ende zeigte auch diese Äußerung, weswegen das Lied aus dem Eröffnungsgottesdienst – „Wir haben nichts mehr zu verlieren“ – eigentlich hervorragend nach Mannheim passt. Besser beschreiben kann man die Situation des Verbände- und Institutionenkatholizismus derzeit wohl nicht.

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